Aus club dialektik

Clara Zetkin
Die Unterscheidung von bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung
von Uschi Siemens
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Inhaltsverzeichnis

I. Die historische Entstehung des Internationalen Frauentags

Auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen, am 27. August 1910, wurde folgende Resolution verabschiedet:

„Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen 
Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen 
Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der 
Agitation für das Frauenwahlrecht dient. Die Forderung muss in ihrem 
Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß 
beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen 
und ist sorgfältig vorzubereiten.“

Diese Resolution wurde von Clara Zetkin, Käte Duncker und ihren Genossinnen eingebracht und vom Kongress verabschiedet.

1922 wird auf Initiative der bulgarischen Genossinnen in der KomIntern beschlossen, den Frauentag einheitlich am 8 März zu begehen zum Gedenken an die Riesendemonstration der Petersburger Frauen, die am 8. März 1917 für Frieden und In Manufakturen wird die Arbeit der Handwerker durch Maschinen ersetzt. Fabriken entstehen, die vom Rohstoff (z.B. Roherz oder Wolle) bis zum Endprodukt (also Lokomotiven oder Konfektionskleidung) den ganzen Arbeitsgang umfassen. Der Einsatz von Maschinen bedeutete auch Einsatz von weniger Körperkraft, so dass auch Frauen und Kinder an den Maschinen beschäftigt werden konnten.

Bismarck, der 1862 zum Ministerpräsidenten berufen wird, sorgt für ein Zusammenwachsen des deutschen Wirtschaftsraums. 1871 (nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich) wird das Deutsche Reich (von oben) gegründet. Die Zollgrenzen zwischen den einzelnen Fürstentümern und Königreichen fallen, es entsteht ein gemeinsamer Markt, auf dem die Waren frei gehandelt werden können. Gleichzeitig organisiert sich die Arbeiterbewegung. 1863 gründet Ferdinand Lasalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der mit Reformen die schlimmsten Auswüchse der kapitalistischen Wirtschaftsweise mildern will. 1869 gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (Eisenach), die durch eine Revolution die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse umwälzen und den Sozialismus errichten will. 1875 vereinigen sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Gotha zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“.

Bismarck erkennt die Gefahr dieser organisierten Arbeiterbewegung und nimmt zwei Anschläge auf den deutschen Kaiser zum Anlass, 1878 das sogenannte „Sozialistengesetz“ verabschieden zu lassen. Dieses Gesetz war ein Ausnahmegesetz gegen „die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ und blieb 12 Jahre in Kraft. Es bedeutete, das die Partei, alle angeschlossenen Vereine und die Presse der Partei verboten war. (Was die Sozialisten nicht davon abhielt, illegal zu arbeiten). Erst 1890, nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, wurde die Partei als „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ wieder gegründet.

Dies ist – sehr knapp umrissen – der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem man Claras Entwicklung sehen muss.

1872 siedelte die Familie Eisner nach Leipzig über, um den Kindern (Clara hatte noch einen Bruder und eine Schwester) eine gute Ausbildung zu sichern. Claras Mutter gehörte dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein an, sie kannte Luise Otto-Peters, eine führende Frau der bürgerlichen Frauenbewegung von 1848, und Auguste Schmidt, die in Leipzig ein Lehrerinnen-Seminar leitete. Clara machte an diesem Seminar eine Ausbildung zur Sprachlehrerin. Das Examen bestand sie 1878 mit Auszeichnung.

Leipzig war Ende des 19. Jahrhunderts das Zentrum der Sozialdemokratie, August Bebel und Wilhelm Liebknecht lebten und wirkten dort, der „Vorwärts“ erschien dort. Clara kam während ihrer Ausbildungszeit mit der Politik in Berührung. Über eine russische Studienkollegin lernte sie Ossip Zetkin kennen, einen russischen Revolutionär, der in Leipzig an der Uni einen sozialistischen Zirkel leitete und in der sozialdemokratischen Arbeiterpartei mitarbeitete. In diesem Zirkel lernte Clara die Theorien von Marx und Engels kennen (1867 war Das Kapital von Marx erschienen), sie wurde eine überzeugte Anhängerin der marxistischen Theorie. Sie und Ossip Zetkin verliebten sich ineinander. Clara trat 1878 in die Partei ein, gerade als diese von Bismarck verboten wurde.

Clara Zetkin arbeitete zwei Jahre als Hauslehrerin bei verschiedenen Arbeitgebern; dann ging sie nach Zürich, wo Julius Motteler die Zeitung der in Deutschland verbotenen Partei drucken ließ und illegal nach Deutschland schleuste. Clara arbeitete beim illegalen Transport über die Grenze mit. 1880 wird Ossip Zetkin bei einer illegalen Parteiveranstaltung verhaftet und ausgewiesen. Er geht er nach Paris. Clara folgt ihm 1882 dorthin. Die beiden lebten und arbeiteten dort unter sehr ärmlichen Verhältnissen. Sie gaben Unterricht, schrieben und übersetzten Artikel für die verschiedenen politischen Zeitungen. In Paris hatten sie Kontakt mit vielen internationalen Sozialisten, u.a. auch mit Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx.

7 Jahre lebte Clara Zetkin in Paris mit Ossip Zetkin zusammen, sie bekamen zwei Söhne, heirateten aber nicht. Clara hätte als verheiratete Frau in Deutschland nicht mehr als Lehrerin arbeiten dürfen. Diese Tatsache der unterschiedlichen Behandlung von Männern und Frauen und die Erfahrung, wie schwer es war, den Lebensunterhalt zu verdienen, eine Familie zu versorgen und sich politisch zu betätigen, führt Clara dazu , sich intensiv mit der Frauenfrage zu beschäftigen.

1889 stirbt Ossip Zetkin und Clara geht nach Deutschland zurück - aber nicht, ohne vorher in Paris den ersten Internationalen Arbeiterkongress mit zu organisieren. Dort hält sie ihre erste Rede zum Thema „Befreiung der Frau und Frauenarbeit.“

Die Auswirkungen der Industrialisierung auf das Leben der arbeitenden Menschen waren verheerend. Bei Marx im 13. Kapitel des Kapitals kann man nachlesen, was die Einbeziehung von Frauen und Kindern in die Fabrikproduktion bedeutete. Die Kapitalisten nutzten die Frauen- und Kinderarbeit, um die Löhne der Arbeiter zu drücken und die Arbeitszeit zu verlängern. Frauen und Männer arbeiteten bis zu 14 Stunden am Tag. Ein Familienleben gab es gar nicht. Kinder wurden geboren und starben in großer Zahl, weil die Frauen ihre Kindern nicht (er)nähren konnten, sondern sie zum Beispiel mit Opiaten vergifteten. In der sozialistischen Bewegung gab es durchaus Tendenzen, angesichts dieser Folgen der Frauenarbeit die Forderung aufzustellen, die Frauenarbeit in der den Fabriken verbieten zu lassen.

Clara stellte in ihrem Redebeitrag klar, dass die Frauenarbeit eine notwendige Entwicklung der Produktivkraftentwicklung ist; notwendig für die Kapitalisten, die damit Löhne drücken und mehr Profit machen, aber auch notwendig für die Frauen, um sich aus ökonomischer Abhängigkeit von den Männern als Familienernährern zu befreien.

Unter kapitalistischen Bedingungen führt die neu gewonnene ökonomische Unabhängigkeit allerdings nur zu einer neuen ökonomischen Abhängigkeit vom Fabrikbesitzer, mit den entsprechenden sozialen Folgen. Dennoch besteht Clara Zetkin darauf, dass gerade die Sozialisten, die sich ja die Befreiung der Arbeiterklasse insgesamt auf die Fahne geschrieben hatten, in der Frage der Frauenarbeit nicht rückwärts gewandt denken dürfen. Ein Verbot der Frauenarbeit wegen der Konkurrenz, die sie in der Arbeiterklasse auslöst, wäre gleichbedeutend damit, die Abschaffung der Maschinen zu fordern. Soll heißen: diese Forderung wäre gleichbedeutend damit, sich gegen den Fortschritt zu stellen. Statt dessen müsse die sozialistische Bewegung sich darum bemühen, die Frauen in die Bewegung aufzunehmen und gemeinsam mit ihnen für eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kämpfen. Denn: Eine wirkliche Emanzipation der Frauen wird, ebenso wie eine wirkliche Befreiung der Arbeiterklasse erst durch eine Revolution, eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse möglich sein. Und diese Revolution kann die Arbeiterklasse nicht ohne die Frauen durchführen. Das Ergebnis von Claras Rede: Der Kongress erklärte sich für die Berufsarbeit der Frau und verpflichtete die Parteien, sich für die Einbeziehung der Frauen und Mädchen in die sozialistische Bewegung einzusetzen.

Die „Gleichheit“ und die Frauenarbeit

Clara ging 1890 mit ihren beiden Kindern zurück nach Stuttgart und baute sich dort eine Existenz auf. Sie übernahm die Chefredaktion der Zeitschrift „Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterin“, die beim Dietz-Verlag erschien. Diese Zeitschrift redigierte sie 25 Jahre lang. Clara nutzte die Zeitschrift, um den Beschluss des Kongresses in Paris praktisch umzusetzen und die Frauen der Arbeiterklasse für die Partei zu gewinnen. Sie informierte darin über die Entwicklung der Frauenarbeit, die Lage der Fabrikarbeiterinnen und Heimarbeiterinnen. Sie setzte sich auseinander mit dem Problem, warum die Arbeiterinnen so schwer für eine politische Arbeit zu gewinnen waren: Einerseits war es gesetzlich verboten, dass „Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge“ Mitglieder in politischen Vereinen waren oder an politischen Versammlungen teilnahmen. Andererseits hatten die Arbeiterinnen einen so langen Arbeitstag, dass sie kaum Zeit hatten, sich und ihre Familien zu versorgen, geschweige denn, noch Zeit für politische Arbeit aufzubringen. Und natürlich gab es erheblichen Widerstand der Männer gegen eine politische Arbeit der Frauen, weil sie die Frauen hauptsächlich als Konkurrentinnen erlebten.

Clara kämpfte in der Zeitung und in der Partei dafür, spezielle Formen für eine Agitationsarbeit unter den Frauen zu finden:

- sie setzte durch, dass Frauenkommissionen eingerichtet wurden, dass Frauen 
  als Rednerinnen ausgebildet wurden. 
- Sie setzte die sogenannte „Werkstubenagitation“ durch, das heißt, dass die 
  organisierten Frauen zu den Arbeiterfrauen in die Werkstuben, in die Küchen, 
  in die Wohnviertel gingen und versuchten, sie für eine politische Arbeit zu
  gewinnen.

Sie nutzte die Zeitschrift zur Koordination der Frauenarbeit, zur Information über Veranstaltungen für Arbeiterinnen. Sie informierte auch über die bürgerliche Frauenbewegung in Deutschland und über die Frauenbewegung anderer Länder. Und selbstverständlich nutzte sie die Zeitschrift, um über die Aktivitäten und Forderungen der Partei bezüglich der Frauenforderungen zu berichten.

[So forderte die SPD auf ihrem Parteitag 1893 den 8-Stunden-Tag, 1894 das Wahlrecht für Frauen; ]

Es ist der unermüdlichen Arbeit von Clara Zetkin und ihren Mitstreiterinnen zu verdanken, dass auf dem Parteitag 1900 in Mainz zum ersten Mal eine Frauenkonferenz stattfinden konnte und dass bei den Internationalen Sozialistenkongressen immer am Tag vorher ein Kongress der Sozialistinnen stattfand.

Der Revisionismusstreit

Mit der Jahrhundertwende beginnt in der Sozialdemokratischen Partei eine ideologische Debatte darum, wie das Ziel, der Sozialismus, zu erreichen sei. Bisher war die gemeinsame Grundlage gewesen, die Arbeiterklasse in Gewerkschaften und Partei zu organisieren und die kapitalistische Gesellschaftsform, das Privateigentum an Produktionsmitteln, durch eine Revolution aufzuheben und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Mit Bernstein setzte nun der Revisionismusstreit ein. Bernstein vertrat die Theorie, dass die Entwicklung des Kapitalismus die Möglichkeit biete, ihn durch Reformen zu verändern. Es brauche keine Revolution, um den Sozialismus durchzusetzen, sondern der Sozialismus lasse sich durch soziale Reformen, die durch die Gewerkschaften erkämpft werden und durch den Ausbau der Genossenschaften auch im Kapitalismus umsetzen. Hintergrund dafür waren die politischen Veränderungen in Deutschland. Die deutsche Bourgeoisie stand in den Startlöchern, sich ihre Profite nicht nur auf dem deutschen Markt zu sichern, sondern sich auch Anteile am Weltmarkt zu sichern. Dazu brauchte sie ein Volk, dass hinter ihrer Außen- und Innenpolitik stand. Die Bourgeoisie versuchte also, durch soziale Zugeständnisse das Volk „einzukaufen“. Das Sozialistengesetz war aufgehoben worden, die Gewerkschaften hatten soziale Verbesserungen durchgesetzt, es gab Arbeitsschutzgesetzte und 1908 war ein neues Reichsvereinsgesetz verabschiedet worden, dass auch Frauen endlich die Mitgliedschaft und Betätigung in politischen Parteien und Vereinigungen erlaubte.

Bis 1914, bis zum Beginn des ersten Weltkrieges schwelte dieser Streit zwischen der marxistischen und der reformistischen Strömung in der Sozialdemokratie. Er beschäftigte die Diskussion auf mehreren Parteitagen und entzündete sich sowohl an der Einschätzung der Revolution in Russland 1906 wie an Fragen des politischen Massenstreiks. Die reformerische Strömung setzte sich in der Sozialdemokratie durch, immer mehr Posten in der Partei, in den Parlamenten und Presseorganen wurden von Vertretern der reformistischen Strömung besetzt. Aber es kam zu keiner Spaltung. Erst mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten und der brutalen Niederschlagung der Arbeiteraufstände im November 1918 durch den sozialdemokratischen Polizeiminister Noske wurde eine Spaltung unvermeidlich.

Was bedeutete der Revisionismusstreit für die Frauenfrage und die Frauenarbeit in der Partei?

Im August 1907 fand in Stuttgart der Internationale Sozialistenkongress statt. Beherrschendes Thema war die Revolution in Russland. Zeitgleich fand die erste Internationale Sozialistische Frauenkonferenz statt, an der 58 Frauen aus 15 Ländern teilnahmen. Die Frauenkonferenz fasste zwei Beschlüsse:

- erstens wurde ein Internationales Frauensekretariat eingerichtet. Clara 
  Zetkin wird zur Sekretärin gewählt, das Büro wird in Stuttgart eingerichtet 
  und die „Gleichheit“ wird zum internationalen Frauenorgan bestimmt. 
- Zweitens wurde eine Resolution beschlossen, die alle sozialistischen Parteien 
  verpflichtete, den Kampf um das Frauenwahlrecht in ihre politische Arbeit 
  aufzunehmen. 

1908 wurde in Deutschland das neue Reichsvereinsgesetz verabschiedet. Danach durften Frauen nun auch politisch tätig sein und die sozialdemokratische Partei beschloss, eine Frau in den Parteivorstand zu wählen. Gewählt wurde aber nicht Clara Zetkin, die sich aufgrund ihrer Verdienste um die Frauenarbeit angeboten hätte, sondern Luise Zietz. Luise Zietz war keine Marxistin, sondern gehörte zur Strömung um Karl Kautsky, der eine zentristische Politik vertrat. Abgesehen davon, dass die Männer der Sozialdemokratie nach dem neuen Reichsvereinsgesetz der Meinung waren, es bräuchte nun keine spezielle Frauenarbeit mehr zu geben und man könnte die Frauenkommissionen auflösen, vertrat auch Luise Zietz die Meinung, es müsse keine eigenständige Frauenarbeit mehr geben in der Partei. So wurde versucht, nicht nur eine eigenständige Frauenarbeit, sondern besonders eine sozialistische, eine marxistische Frauenarbeit zu unterlaufen.

Clara Zetkin hatte in der „Gleichheit“ immer wieder Stellung genommen gegen die revisionistische Strömung in der Partei. Sie hatte beispielsweise Karl Liebknecht verteidigt, der eine sozialistische Jugendarbeit aufbauen wollte. Sie hatte Artikel von Rosa Luxemburg abgedruckt, die sich gegen die Kriegshetze und den neuen Patriotismus in der Sozialdemokratie zur Wehr setzte. Sie registrierte auch die Veränderungen, die sich für die Frauenarbeit abzeichneten. Und sie reagierte: Sie brachte auf der 2. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen 1910 die Resolution zum Internationalen Frauentag ein, die ich am Anfang vorgelesen habe. Diese Resolution war u.a. auch eine Reaktion auf den Revisionismusstreit in der Sozialdemokratie.

Die Resolution eröffnete den sozialistischen Frauen die Möglichkeit, in ihren Parteien weiterhin eine eigenständige sozialistische Frauenarbeit zu fordern und zu betreiben. Und sozialistische Frauenarbeit bedeutete, sich nicht auf das Thema Frauenwahlrecht zu beschränken, sondern frauenpolitische Aspekte der gesamten Politik einzubeziehen. Und das bedeutete 1911, als in Deutschland, Österreich, in der Schweiz und Dänemark Frauentagsveranstaltungen stattfanden, an denen Millionen Frauen teilnahmen, nicht nur das Wahlrecht für Frauen einzufordern, sondern auch für Frieden und Sozialismus zu demonstrieren.

II. Die theoretische Unterscheidung von bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung

Clara Zetkin hat sich nicht nur praktisch für die Sache der Frauen eingesetzt, als Rednerin auf Veranstaltungen, als organisatorische Koordinatorin mit der „Gleichheit“, als Journalistin, die flammende Artikel über die Ignoranz der männlichen Genossen gegenüber den Belangen der Frauen schrieb. In ihrer Schrift „Zur Geschichte der proletarischen Frauenbewegung Deutschlands“ hat sie sich auch theoretisch mit der Frauenfrage befasst, und zwar besonders mit dem grundsätzlichen Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung.

Ausgangspunkt für das Entstehen der „modernen Frauenfrage“ (und Bewegung), ist für Clara die Ökonomie. Das Herrschaftsverhältnis von Männern über Frauen (Clara nennt das „die soziale Unterdrückung) fällt – jedenfalls nach den marxistischen Klassikern - mit der Entstehung des Privateigentums an Produktionsmitteln zusammen. Engels z. B. bringt die „weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ in Zusammenhang mit dem Umsturz des Mutterrechts durch die Entstehung von Privateigentum. Dieser Umsturz erfolgte schon in frühgeschichtlicher Zeit. Seine Folgen: Der Gegensatz zwischen dem Mann als Besitzer und der Frau als Nichtbesitzerin wurde zur Grundlage für die wirtschaftliche Abhängigkeit und die soziale Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts. Alle Veränderungen in diesem Herrschaftsverhältnis - und das ist jetzt ein wichtiger Gedanke Clara Zetkins - (zwischen Männern und Frauen) hängen demnach auch zusammen mit Veränderungen in dieser Produktionsweise, die auf dem privaten Eigentum an Produktionsmitteln begründet ist. Oder umgekehrt: wenn sich in der Art und Weise der Produktion etwas ändert, verändert sich auch das Unterdrückungsverhältnis.

Im ersten Teil habe ich schon versucht zu beschreiben, welche enormen Veränderungen die kapitalistische Produktionsweise zu Claras Lebzeiten durchlaufen hat. Die Industrialisierung führte zu einer massenhaften Produktion von Lebensmitteln aller Art in Fabriken. Und sie ist die Voraussetzung dafür, dass sich zum ersten Mal die Besitzlosen, die Arbeiter, als Klasse organisieren. In Vereinen, Gewerkschaften und Parteien. Sie stehen damit zum ersten Mal in Deutschland als Klasse der Klasse der Bourgeoisie, der Besitzer der Produktionsmittel gegenüber.

Für Clara Zetkin ist die moderne Produktionsweise mit Maschinen Ursprung und Voraussetzung für das Entstehen der Frauenbewegung. Denn diese Produktionsweise zerstört nicht nur das Kleinhandwerk, macht Tausende von Handwerkern, Gesellen und Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen arbeitslos bzw. treibt sie in die Fabriken. Sondern diese Produktionsweise zerstört auch den Bereich, in dem Frauen bis dahin produktiv waren: die Haushaltsfamilie. Vor der maschinellen Produktion hatten bürgerliche Frauen in ihren Haushalten den größten Teil der benötigten Lebensmittel selbst hergestellt. Sie produzierten Kleidung und Wäsche, sicherten durch Vorratshaltung die Ernährung der Familie und erzogen die Kinder. Die moderne Produktion zerstört diese eigene Produktion im Haushalt und stellt Millionen von Frauen vor die Frage, wo und wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen und einen Lebenssinn finden können. Die Antwort lautet: nicht mehr in der Familie, sondern in der Gesellschaft, in der gesellschaftlichen Produktion. Der Schritt aus der Familie in die Gesellschaft und ihre Produktionsverhältnisse macht aber den Frauen ihre Rechtlosigkeit, ihre unterdrückte Stellung bewusst und damit ist die moderne Frauenfrage geboren. Aber, und das ist der Knackpunkt für Clara Zetkin: je nach Zugehörigkeit zur besitzenden oder nichtbesitzenden Klasse äußert sich die Frauenbewegung unterschiedlich, sind ihre Forderungen und Ziele unterschiedlich.

Der Unterschied der französischen und deutschen Revolution

Die Frauenbewegung insgesamt ist für Clara Zetkin eine Begleiterscheinung der bürgerlichen Revolutionen in Frankreich 1789 und in Deutschland 1848. Dabei sieht Clara Zetkin zwischen diesen beiden Revolutionen einen großen Unterschied. In der französischen Revolution haben sich nicht nur berühmte Frauen wie Flora Tristan, Olympe de Gouges oder Therese de Mericourt als Einzelpersonen hervorgetan, sondern es haben sich auch Massen von Frauen beteiligt, am Hungermarsch der Frauen nach Versailles beispielsweise, oder beim Sturm auf die Bastille. Die Pariserinnen wandten sich mit einer Petition an die Nationalversammlung, in der sie politische Gleichberechtigung und wirtschaftliche Betätigungsfreiheit für alle Frauen forderten. In allen Städten und Dörfern Frankreichs entstanden Frauenclubs und –vereinigungen. Die bürgerlichen Frauen forderten das Recht auf Arbeit ein, die Öffnung bestimmter Berufe und den Zugang zu der entsprechenden Ausbildung. Gleichzeitig gab es aber in Frankreich auch schon Strömungen wie die Saint-Simonisten oder Persönlichkeiten wie Flora Tristan, die eine radikale Neuordnung der Gesellschaft forderten, eine Befreiung von aller Herrschaft und Ausbeutung, die Männer und Frauen gemeinsam erkämpfen sollten.

Ganz anders dagegen die bürgerliche Revolution in Deutschland, knapp 60 Jahre später. Hier gab es nur wenige weibliche Individuen, wie Luise Otto-Peters oder Emma Herwegh oder Amalie von Struwe, die im Rahmen der Revolution ihre Stimme für die Gleichberechtigung der Frauen erhoben. An den revolutionären Aktionen beteiligten sich aber keine Massen von Frauen, schon gar keine organisierten Frauen. Diesen Unterschied erklärt sich Clara Zetkin mit dem Klassengegensatz, der sich in der Zeit von der französischen bis zur deutschen Revolution deutlicher entwickelt hat. Die französische Bourgeoisie konnte unter dem Motto von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ noch alle Klassen für ihre bürgerliche Revolution mobilisieren, ohne Rücksicht auf die Klassenzugehörigkeit. Sie konnte den Feudalismus, die Monarchie stürzen und eine bürgerliche Ordnung errichten.

Die deutsche Bourgeoisie hingegen fand in ihrer Revolution schon einen so weit fortgeschrittenen Klassengegensatz vor, dass sie nicht mehr alle Klassen mobilisieren konnte, ohne Gefahr zu laufen, das Kräfteverhältnis zugunsten des Proletariats zu verschieben. So etablierte sich in Deutschland die bürgerliche Gesellschaft im Rahmen der Monarchie und des Feudalismus. Diese „verkrüppelte Revolution“, wie Clara sie nennt, verkrüppelte auch die Forderungen der Frauenbewegung. Ein Beispiel dafür ist die erste deutsche bürgerliche Frauenkonferenz, die 1865 unter der Leitung von Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt stattfand.

Diese Konferenz forderte für die bürgerlichen Frauen das Recht auf Berufsarbeit. Und da die bürgerlichen Frauen nicht die Absicht hatten, in den Fabriken arbeiten zu gehen, sondern in den Berufen der Männer ihrer Klasse arbeiten wollten, forderten sie als Voraussetzung für die bürgerliche weibliche Berufsarbeit eine umfassende Bildung. Diese Bildung sollten sich die bürgerlichen Frauen in den vielen entstandenen Frauenbildungsvereinen aneignen, wo Vorträgen von Frauen gehalten wurden und zu denen nur Frauen Zutritt hatten. Nur sehr vorsichtig wurden Forderungen nach Öffnung der Universitäten für Frauen laut, denn dann hätten sich die Frauen ja unter die männliche Studentenschaft mischen müssen – was den weiblichen und männlichen bürgerlichen Vorstellungen von Sittlichkeit nicht entsprochen hätte.

Das heißt, Clara Zetkin sieht die Verkrüppelung der bürgerlichen Frauenbewegung in ihren vorsichtigen, in der bürgerlichen Geisteshaltung befangenen Forderungen.

Der Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung

Wie auch immer: die bürgerliche Frauenbewegung forderte mit dem Recht auf Berufsarbeit und Bildung die gleichen Rechte ein, wie sie die Männer ihrer Klasse schon hatten. Sie kämpften gegen die Männer ihrer Klasse, die ihnen aus Angst vor Konkurrenz im Beruf diese Rechte vorenthalten wollten. Der bürgerlichen Frauenbewegung geht es um Gleichberechtigung, nicht weniger. Aber auch nicht mehr. Clara Zetkin schätzt die Bedeutung der bürgerlichen Frauenbewegung sehr hoch ein: hat sie doch deutlich gemacht, wie wichtig die Berufsarbeit für die Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann ist. Gleichzeitig kritisiert sie an der bürgerlichen Frauenbewegung genau diesen Punkt: die bürgerliche Frauenbewegung will gleiche Rechte, aber im Rahmen der bürgerlichen, der kapitalistischen Ordnung. Ihre Forderungen gehen nicht über diese Ordnung hinaus. Die bürgerliche Frauenbewegung stellt die kapitalistische Ordnung mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln nicht in Frage. Im Gegenteil: Die bürgerliche Frauenbewegung steht fest auf dem Boden der bürgerlichen Ordnung und will durch Reformen mehr Rechte für die Frauen durchsetzen. Sie ist eine bürgerliche Klassenbewegung. Sie ist ein Ausläufer des Emanzipationskampfes, den das einst revolutionäre Bürgertum gegen die feudale Herrschaft geführt hat, um eine formale, bürgerliche Demokratie zu erkämpfen. Die bürgerlichen Frauen verlangen jetzt innerhalb dieser bürgerlichen Demokratie IHRE Rechte, IHRE Anerkennung, Ihren Anteil an den Menschenrechten. Aber so, wie die Bourgeoisie sich von einer erst revolutionären zu einer reaktionären Klasse entwickelt hat, so entwickelt sich die bürgerliche Frauenbewegung ebenfalls zu einer ernsten Gefahr für den Gedanken der Befreiung. Denn die bürgerliche Frauenbewegung orientiert auf den Kampf von Geschlecht gegen Geschlecht, für Reformen innerhalb der bürgerlichen Ordnung, nicht auf Emanzipation und Revolution.

Ganz anders stellt sich für Clara Zetkin dagegen die Lage der Frauen des Proletariats dar. Der Einsatz von Maschinen im Produktionsprozess treibt die proletarischen Frauen massenhaft in die Produktion. Unfreiwillig werden sie zu „Schmutzkonkurrentinnen“ der Männer, weil ihre Löhne billiger sind für den Kapitalisten und damit das Lohnniveau der Männer ebenfalls gedrückt wird. Die proletarischen Frauen sind als „Ware Arbeitskraft“ ihren Männern vollständig gleich: sie werden auf die gleiche, ja noch schlimmere Weise ausgebeutet. Die proletarischen Frauen haben ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Mann erreicht, für die die bürgerliche Frauenbewegung gerade erst kämpft. Aber diese wirtschaftliche Unabhängigkeit bedeutet nicht mehr FREIHEIT, sondern eine andere, größere Abhängigkeit von den Launen des Kapitals. „Die Frau des Proletariats hat ihre wirtschaftliche Selbständigkeit erlangt, aber weder als Mensch noch als Frau, noch als Gattin hat sie die Möglichkeit, ihre Individualität voll ausleben zu können.“ Genau so wenig übrigens, wie die Männer des Proletariats. Deshalb kann der Befreiungskampf der proletarischen Frauen nicht ein Kampf gegen die Männer ihrer Klasse sein wie der der bürgerlichen Frau gegen den Mann ihrer Klasse. Sondern umgekehrt: die proletarische Frau muss mit den Männern ihrer Klasse zusammen um eine wirkliche Befreiung von der Ausbeutung kämpfen. Es geht langfristig um eine Emanzipation, die sowohl die Männer wie die Frauen der Arbeiterklasse von der Ausbeutung befreit. Eine Emanzipation, die für Clara Zetkin nur auf dem Boden einer Gesellschaftsordnung vorstellbar ist, die nicht mehr auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln fußt. Erst eine solche, sozialistische Gesellschaft bietet die Voraussetzungen, durch Entfaltung der jeweiligen Individualität die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, in den Familien mit neuen Inhalten zu füllen.

So fällt für Clara Zetkin der Beginn der proletarischen Frauenbewegung zusammen mit den ersten Versuchen, die Arbeiterklasse zu organisieren. 1869 wurde in Crimmitschau in Sachsen die „Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik und Handarbeiter“ gegründet. Diese Gewerkschaft war die erste Organisation der Arbeiterklasse, die Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen zusammen mit Männern auf dem Boden des Klassenkampfes sammelte, die Frauen als gleichberechtigte Mitkämpferinnen ansah. Und Clara Zetkin hat selbst ihr ganzes Leben dafür gekämpft, die Frauen der Arbeiterklasse zu organisieren, um den Kampf um Emanzipation gemeinsam mit den Männern zu kämpfen. Clara Zetkin sieht also einen grundlegenden Unterschied zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung. Das ist ihr in der Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts heftig vorgeworfen worden, sie wurde als Dogmatikerin diffamiert und ihr wird heute noch vorgeworfen, die Theorie vom Haupt- und Nebenwiderspruch damit begründet zu haben. Zur Ehrenrettung von Clara Zetkin muss ich aber sagen, dass das so aber nicht ganz richtig ist.

Clara Zetkin war nicht blind, was patriarchalische Tendenzen in der Arbeiterklasse angeht. 1893 z. B. schrieb sie in einem Artikel über Frauen und Gewerkschaftsarbeit ihren Genossen ins Stammbuch, dass „die Arbeiter aufhören müssen, in der Arbeiterin in erster Linie eine Frau zu sehen, der man, je nachdem sie jung, hübsch, sympathisch, heiter oder es nicht ist, den Hof machen und der gegenüber man sich eventuell je nach dem Grade der eigenen Bildung oder Unbildung Rohheiten und Zudringlichkeiten erlaubt. Die Arbeiter müssen sich vielmehr gewöhnen, die Arbeiterin in erster Linie als Proletarierin zu behandeln, als Genossin der Arbeit und der Klassensklaverei und als unentbehrliche Mitstreiterin im Klassenkampf.

Für sie äußert sich der Geschlechterkampf in der Arbeiterklasse zuerst und hauptsächlich darin, dass die Männer der Arbeiterklasse das Verbot der Frauenarbeit in den Fabriken fordern und die Frauen damit in die alte ökonomische Abhängigkeit zurückdrängen wollen. Und sie sieht den Geschlechterkampf im Proletariat zunächst in der Tatsache, dass die Männer der Arbeiterklasse die Frauen nicht als gleichwertige Mitkämpferinnen anerkennen wollen, um die es zu kämpfen gilt, die es in den eigenen Reihen zu organisieren gilt.

Aber: Bereits in ihrem Vortrag „Der Student und das Weib“ von 1899 sieht Clara Zetkin durchaus auch Parallelen in beiden Frauenbewegungen. Nicht nur die Arbeiterin wird durch die kapitalistische Entwicklung, durch Profitgier zur „Schmutzkonkurrentin“ der Männer ihrer Klasse. Auch die bürgerlichen Frauen, je mehr sie in die Berufe der Männer ihrer Klasse eindringen, werden zu Konkurrentinnen ihrer Männer. Und für die Frauen sowohl des Bürgertums als auch der Arbeiterklasse entsteht durch die verstärkte Berufstätigkeit ein Problem, dass wir heute noch bestens kennen: die Doppelbelastung von Berufstätigkeit und Familienleben.

„Die kapitalistische Gesellschaftsordnung macht aber in den meisten Fällen 
einen Konflikt zwischen Berufspflichten und Familienpflichten  unvermeidlich. 
Bald müssen die einen, bald die anderen leiden; nur ausnahmsweise starke 
Frauenindividualitäten können beiden gerecht werden, und auch sie nur um den 
Preis einer vorzeitigen Hinopferung ihrer Kraft. Ein harmonisches Ausleben als 
Vollmensch wird damit der Mehrzahl der Frauen zur Unmöglichkeit.“ 

Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, lautet für Clara Zetkin: weil in der kapitalistischen Gesellschaft die Arbeit nicht frei ist. Der Beruf dient nicht der Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen, sondern der Mensch, egal, ob Mann oder Frau, wird von seinem Beruf, von seiner Arbeit beherrscht. Arbeit ist für Clara Zetkin in erster Linie „Brotfron“, also der Kampf um die eigene Existenz. Und selbst wenn Männer oder Frauen in ihrer Arbeit etwas gewinnen können für ihre Entwicklung und ihr „Ausleben als Mensch“, so geht ihnen (im Kapitalismus jedenfalls) ein großer Teil ihres Lebensinhalts als Mütter und Väter, als Partner in einer Beziehung verloren. Für die Frauen beider Klassen bedeutet das, „Schafft sie für den Erwerb, so bleibt nur wenig Zeit und Kraft für das Ausleben als Weib übrig. Mutter und Gattin vermag sie gleichsam nur „im Nebenamt“, nur in dem Umfang zu sein, als der Beruf es gestattet.

Als Lösung für dieses Problem sieht Clara Zetkin allerdings wiederum eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Ohne Privateigentum an Produktionsmitteln, ohne Profite als Motor aller Entwicklung werden Männer und Frauen sowohl des Bürgertums als auch des Proletariats sich nicht mehr Konkurrenz machen; werden Ehen nicht mehr aus wirtschaftlichen, ökonomischen Gründen geschlossen; werden die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf einer anderen, individuellen Grundlage geschlossen und gestaltet.

Wobei Clara Zetkin durchaus schon sieht, dass auch in einer sozialistischen Gesellschaft sich das patriarchalische Herrschaftsverhältnis zwischen Männern und Frauen, nicht „von selbst“ oder automatisch lösen wird. Sondern auch in einer sozialistischen Gesellschaft wird es „sicherlich nicht ohne heißes Ringen und Kämpfen der Frau um Klarheit über die Grenze ihrer Betätigung in Heim und Welt“ gehen.

Clara Zetkin hat sich nicht nur mit der Frauenfrage beschäftigt. Sie hat die Anfänge der sozialistischen Revolution in der Sowjetunion hautnah miterlebt. Und sich dort wiederum besonders für die Veränderungen interessiert, die die Revolution den Frauen, vor allem den Frauen der asiatischen, muslimischen Republiken gebracht hat. Sie hat schon 1923 eine glänzende Analyse des Faschismus veröffentlicht. Und sie hat 1932 als Alterspräsidentin des Deutschen Reichstags eine flammende Rede gegen den Faschismus gehalten. Sie starb 1933. Die Frage, die sich mir bei der Beschäftigung mit Clara Zetkins Theorie gestellt hat, ist, ob wir heute noch etwas damit anfangen können. Und angesichts der Tatsache, dass die Frauenbewegung der vereinten BRD sich die Frage stellt, ob wir einen neuen Feminismus brauchen und wie der aussehen soll und angesichts der Tatsache, dass der entfesselte Kapitalismus nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Länder täglich neue Skandale produziert, finde ich Cara Zetkins Theorie durchaus aktuell und nachdenkenswert.