Aus club dialektik

Kurt Schwitters' Drahtfrühling
Schwitters' Merztheorie dargestellt am Beispiel des Gedichts "Die Zwiebel"



ReferentIn: Judith Herber

Ort: ESG Café, Mainzer Straße 47, 50678 Köln

Datum: 26.4.2003

Uhrzeit: 14:00-19:00

"Im Kriege da hat es furchtbar gegoren. Was ich von der Akademie mitgebracht habe, konnte ich nicht gebrauchen, das brauchbare Neue war noch im Wachsen, und um mich da tobte ein blöder Kampf um Dinge, die mir gleichgültig sind. Und plötzlich war die glorreiche Revolution da. ... Aber damit war der ganze Schwindel, den die Menschen Krieg nennen, zu Ende. Ich verließ meine Arbeitsstelle ohne jede Kündigung, und nun gings los. ... Ich fühlte mich frei und mußte meinen Jubel hinausschreien in die Welt. Aus Sparsamkeit nahm ich dazu, was ich fand, denn wir waren ein verarmtes Land. Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."

So beschreibt Kurt Schwitters die Entstehung seiner Merzkunst. Und nicht nur seine Bilder setzen sich aus 'Abfällen’ zusammen. Auch für seine Dichtungen verwendet er sprachliche Fundstücke - politische Parolen, Werbeslogans, Märchenmotive, Zitate aus Goethe- und Schiller- Gedichten, Bibelsequenzen und Alltagsfloskeln - , die er miteinander in Beziehung setzt und so formal harmonische Kompositionen schafft. Doch für Kurt Schwitters bedeutet Merz mehr als nur ein neuer Kunststil, Merz ist Weltanschauung.

Schon die Zeit vor dem Krieg war geprägt von einer tief empfundenen Krisenstimmung, und die verlustreichen Schlachten des Ersten Weltkriegs hatten den Glauben an traditionelle gesellschaftliche Werte vollends zerstört. Indem Schwitters Sprachelemente aus ihrem ursprünglichen Kontext reißt und sie in einen neuen Zusammenhang bringt, entlarvt er deren fragwürdig gewordenen Wahrheitsgehalt. Der Destruktion der vermeintlichen Inhalte setzt er eine formale Komposition entgegen. Sein Ziel ist es, die Menschen von dem Ballast missbrauchter traditioneller Werte zu befreien und so die Wahrheit der Zeit finden zu helfen und die Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

"Sie glauben es nicht? Nein, Sie irren sich gewaltig. Es ist doch so, daß Merz die ernsteste künstlerische Bewegung der Zeit ist. Merz hat nichts zu schaffen mit den Albernheiten von DADA. Sie meinen wieso? Merz fasst zusammen. Jawohl, Frau Meier, Sie werden zusammengefasst werden. Merz bringt die Kräfte unserer Zeit auf einen Generalnenner. Der Generalnenner heißt Kunst. Schwitters wird Ihnen auf seinem Abend im Operettenhaus, am 26. Januar nicht etwa Blödsinn vorsetzen nein, er wird Sie von allem Blödsinn der Zeit befreien. Sie werden schmunzeln und das mit Recht. Sie können wohl lachen, so frei von allem zu werden, das Sie bedrückt wie ein falscher Frühling. So ist Merz mit E, sagen Sie aber ruhig mit 'Ä’, Frau Meier, der Merzfrühling wird doch in Ihr Herz einziehen mit Vogelsang in der Merz-Sonate in Urlauten:

fmsbwtazän

pggiffqiee

ddsnnrrr ie mpflflo Alll jü Ka ---

Können Sie sich das vorstellen? Dann kommen Sie und erleben Sie den Merzfrühling. Im Operettenhaus."

Dieses Symposion ist ein anderes als andere. Wir werden um 12 Uhr Texte von Schwitters verlesen, darunter auch "Die Zwiebel", und den Autor vorstellen. Im Anschluss daran werden wir ungefähr gegen 13 Uhr eine Suppe reichen und dann - wie gewohnt - um 14 Uhr mit dem cirka einstündigen Vortrag beginnen.

Für das Verständnis des Vortrags bedarf es keinerlei Voraussetzungen. Allerdings ist es sinnvoll, die vorangegangene Lesung zu besuchen. Nach einer Pause mit Imbiss wird das Referat diskutiert. Wir bemühen uns um eine Atmosphäre gegenseitigen Verstehens und erwarten das auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Symposions.

Eintritt: 10,- EUR (Ermäßigt 5,- EUR)

Eintritt für Club-Mitglieder: 5,- EUR (Ermäßigt 2,50 EUR)

Wegbeschreibung: Die Mainzerstr. ist in der Südstadt von Köln. Die nächste Bahnhaltestelle ist die Station "Ubierring" der Linie 15 und 16.


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