Aus club dialektik

Produktivkraft Sexualität
von Uschi Siemens

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Inhaltsverzeichnis

II. Brigitte Reimann: "Franziska Linkerhand"

Brigitte Reimann, geboren 1933 in Burg bei Magdeburg, gehört zur ersten Generation junger Schriftstellerinnen, die in der DDR in den fünfziger Jahren erfolgreich publizieren. Bereits 1956 erscheint ihre erste Erzählung "Die Frau am Pranger"; es folgen Anfang der sechziger Jahre "Ankunft im Alltag" und "Die Geschwister". Nach ihrer Erzählung "Ankunft im Alltag" wurde ein ganzes Genre der jungen DDR-Literatur als "Ankunftsliteratur" bezeichnet. Brigitte Reimann gehört aber auch zu den wenigen Autorinnen, die dem Aufruf der Bitterfelder Konferenz folgt und 1960 zusammen mit ihrem Mann nach Hoyerswerda ins Kombinat "Schwarze Pumpe" zieht. Ihre Erfahrungen mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen auf dieser sozialistischen Großbaustelle hat sie in ihrem Roman "Franziska Linkerhand" [1] verarbeitet. Diesen ersten großen Roman, an dem sie zehn Jahre gearbeitet hat, konnte Brigitte Reimann nicht vollenden; sie starb 1973 nach langer Krebskrankheit in Berlin. Ihr Roman erscheint in der DDR 1974 postum im Verlag Neues Leben; im Aufbau-Verlag ist 1998 eine ungekürzte Neuausgabe erschienen, die sich an den von der Autorin hinterlassenen Manuskripten orientiert und alle in der DDR-Ausgabe zensierten Textteile umfasst.

1. Soziale Herkunft der Hauptfigur

Brigitte Reimann stellt eine junge Architektin, Franziska Linkerhand, in den Mittelpunkt ihres stark autobiographischen Romans. Franziskas Biographie, die in den ersten vier Kapiteln des Romans in Rückblenden erzählt wird, ist ungewöhnlich und entspricht in keiner Weise der "typischen" Entwicklung eines "sozialistischen Helden" der DDR-Literatur. Franziska stammt aus gutbürgerlichem Hause, dessen Wurzeln über ihre vermögende Großmutter bis ins Rheinland reichen. Ihr Vater ist Kaufmann und Verleger, besitzt einen kleinen Verlag mit eigener Druckerei, den Franziskas Großvater gegründet hatte. Konnte er sich mit dem Faschismus noch arrangieren, steht er dem Sozialismus prinzipiell ablehnend gegenüber. Kurz vor dem Bau der Mauer verlassen Franziskas Eltern das Land und gehen nach Bamberg.

Franziska ist in der DDR aufgewachsen; sie geht dort zur Schule, macht dort ihr Abitur. Sie ist während der Schul- und Studienzeit Mitglied in der FDJ und darf - trotz ihres bürgerlichen Elternhauses - Architektur studieren. Der Makel ihrer bürgerlichen Herkunft ist für Franziska und ihren Bruder Wilhelm, aber auch für den Staat, in dem sie leben, ein Problem: "Wir waren Sonstige ... Beim Abitur füllten wir Fragebogen aus; für die Rubrik Klassenzugehörigkeit gab es drei Buchstaben, A, B und S, Arbeiter, Bauern und Sonstige. (...) Genau so fühlten wir uns, etikettiert: einmal ein Bürger, immer ein Bürger" (65). Ihre bürgerliche Herkunft hat starke Auswirkungen auf das Verhalten der Geschwister: "Wir beide, wir waren unserer alten Welt abtrünnig geworden, und die neue nahm uns nicht auf oder nahm uns nur mit Vorbehalten. Es gab Zeiten, Ben, da waren wir wie besessen, radikal, intolerant bis zur Grausamkeit, wir verleugneten uns, hielten uns Augen und Ohren zu und sagten ja, ja, ja zu allem (...) Wir mußten uns selbst immer wieder bestätigen, daß wir richtig gewählt hatten, daß wir übergelaufen waren in die schönste aller Welten - sie mußte vollkommen sein, wir durften uns nicht geirrt haben." (65).

Anders als Karl Erp und Fräulein Broder, die dem neuen Staat Bildungs- und Aufstiegschancen verdanken, die für ihre Elterngeneration noch unvorstellbar waren, wird in diesem Roman das problematische Verhältnis zwischen Arbeitermacht und Intellektuellen thematisiert. Die Ambivalenz zwischen positiver Haltung der sozialistischen Gesellschaft gegenüber und der Angst und Unsicherheit, sich dem Vorwurf der Bürgerlichkeit auszusetzen, begleitet Franziska Linkerhand durch ihr ganzes Roman-Leben. "Wir haben gelernt, den Mund zu halten, keine unbequemen Fragen zu stellen, einflußreiche Leute nicht anzugreifen, wir sind ein bißchen unzufrieden, ein bißchen unehrlich, ein bißchen verkrüppelt, sonst ist alles in Ordnung." (66)

2. Männerdominierte "alte" Welt

Die eigentliche Handlung des Romans beginnt mit Franziskas Entschluss, für ein Jahr als Architektin nach Neustadt zu gehen. Dort wird im Anschluss an ein Braunkohlekombinat nun eine ganze Stadt für die Beschäftigten des Kombinats aus dem Boden gestampft. Der Umzug symbolisiert nicht nur das Verlassen der bisherigen "alten Welt", sondern Franziska entzieht sich damit auch den Männern, die ihr bisheriges Leben, ihre Weiblichkeit und ihre Sexualität stark geprägt haben. Der Aufbruch in die "neue Welt" ist mit der Suche nach einem authentischen Lebensentwurf, nach einer selbstbestimmten weiblichen Sexualität verbunden. Die Ablehnung der bisherigen weiblichen Rolle in einer "Sphäre der von Männern bestimmten Sexualität"[2] unterstreicht Franziska damit, dass sie sich ihre lange Haarmähne abschneiden lässt. Das Abschneiden der Haare ist sowohl Akt der Emanzipation als auch Versuch der geschlechtlichen Neutralisierung, denn nach der herrschenden ästhetischen Konvention ist "eine Fülle langer Haarpracht untrennbar mit "Weiblichkeit" verbunden."[3]


2.1. Der Bruder Wilhelm

Das intensivste Verhältnis hat Franziska zu ihrem acht Jahre älteren Bruder Wilhelm, mit dem sie sich gegen die konservativen Eltern verbündet, den sie aufgrund seiner Intelligenz und Sensibilität verehrt und von dem sie weiß, dass er vom "Verlangen, sie zu beschützen" (47) erfüllt ist. Wie schon in der Erzählung "Die Geschwister"[4] besteht zwischen Bruder und Schwester ein seltsames, erotisch gefärbtes Verhältnis: Wilhelm ist eifersüchtig, weil einer seiner Freunde sich in seine Schwester verliebt hat; Franziska schlüpft nachts zu ihrem Bruder ins Bett und diskutiert in engem körperlichen Kontakt Sinn- und Lebensfragen. In Wilhelms Blick und Gesicht erkennt Franziska wie in einem Spiegel zum ersten Mal ihre erotische Ausstrahlung: "Sie erkannte sich, die Verführung ihres Fleisches, und war sekundenlang berauscht von einem Gefühl der Macht ..." (56). Der Bruder ist nicht nur Verbündeter gegen die konservativen Eltern und ritterlicher Beschützer; er ist auch ein Mann, an dem Franziska gefahrlos ihre sexuelle Wirkung und erotische Ausstrahlung ausprobieren kann, denn als ihr Bruder kommt er als "Sexualpartner nicht in Betracht"[5]. Aber Wilhelm, von Beruf Naturwissenschaftler, verlässt Franziska schon bald, um in der Sowjetunion an einem Kernforschungsprojekt mitzuarbeiten.

2.2. Der Ehemann Wolfgang Exß

Durch ihren Bruder lernt Franziska ihren späteren Ehemann, Wolfgang Exß, kennen. Sie ist geblendet von seiner Schönheit, er gleicht einer "Statue", hat eine "Mister-Universum-Figur" (67) mit "geschmeidigen Muskeln und vollkommenen Schultern, schön wie Antinoos" (92). Verliebt in seine äußerliche Schönheit, mit 18 Jahren von der Familie sexuell unaufgeklärt, macht Franziska mit Wolfgang Exß ihre erste sexuelle Erfahrung, die sie eher passiv erduldet. Den Verlust ihrer Jungfräulichkeit empfindet sie "als Erleichterung, als habe sie eine Aufgabe gelöst und endlich etwas Bedrohliches hinter sich gebracht, dem sie doch nicht hätte entgehen können" (72). Trotz gegen die Familie, vor allem gegen ihre Mutter, die den "einfachen Arbeiter" (67) für ein "Stück Pöbel" (72) hält, treibt Franziska in eine Ehe mit Wolfgang. Ihre romantische Schwärmerei für den schönen jungen Mann wird schnell von der Realität eingeholt. Die Erfahrungen, die Franziska während ihrer Ehe macht, sind demütigend und schmerzhaft. Während sie ein Architekturstudium absolviert, arbeitet ihr Mann in einer Fabrik. Seinen Mangel an Bildung und Wissen kompensiert er mit Alkohol; seine intellektuelle Unterlegenheit versucht er durch sexuelle Aktivitäten und gelegentlich auch durch Gewalttätigkeit auszugleichen. Franziska erlebt die Sexualität mit ihrem Mann als stumpfsinnig und phantasielos, sie empfindet nichts dabei, gibt sich aber selbst die Schuld daran: "Ich dachte, ich wär frigid, das andere kannte ich nur aus Romanen" (92). Als Franziska sich nach sechs Jahren scheiden lässt, reagiert ihr Mann wiederum mit Gewalt: Er schließt sich mit ihr in der gemeinsamen Wohnung ein, zertrümmert die Möbel, verprügelt und vergewaltigt seine ehemalige Frau. Der Schock dieses Erlebnisses macht es Franziska nicht nur für lange Zeit unmöglich, "normale Beziehungen zu Männern"[6] aufzunehmen, sondern trägt auch maßgeblich zu ihrer Entscheidung bei, allein ihren eigenen Weg zu gehen und ihren eigenen Platz im Leben zu suchen.

2.3 Professor Reger

Die dritte wichtige Männerfigur, die Franziska mit ihrer Abreise verlässt, ist ihr bewunderter Architektur-Professor Reger, ein "sehr großer Mann von etwa fünfzig Jahren" (93), der für Franziska das Ideal eines Architekten verkörpert. Für Reger besteht der Sinn seiner Arbeit darin, die kunstvolle und die funktionale Seite der Architektur miteinander zu verbinden; er will nicht nur Häuser bauen, sondern mit seinen Gebäuden auch auf die Beziehungen der Menschen einwirken. Die Beziehung Professor Regers zu Franziska hat väterliche Aspekte: Er protegiert seine Studentin, er fördert sie ihrer Begabung wegen und unterstützt ihre berufliche Entwicklung, indem er sie an der Projektierung zum Wiederaufbau des Gewandhauses in Leipzig mitarbeiten lässt; er nimmt sie in seiner Wohnung auf, als er mitbekommt, dass ihr Ehemann sie schlägt; er holt sie von ihrem Scheidungstermin ab und bietet Schutz und Trost an. Franziska ist ihm "Schülerin und Mitspielerin, Tochter-Ersatz und Blitzableiter für seine Launen" (94), aber er empfindet sie auch schon als kommende Rivalin, als zukünftige berufliche Konkurrentin. Hinter der väterlichen Sicherheit, die er Franziska bietet, verbirgt sich auch eine Inbesitznahme ihrer Person, der Versuch, sie "nach seinem Bilde" (99) zu formen. Franziskas Entscheidung, nach Neustadt zu gehen und Erfahrungen mit dem Städtebau zu sammeln, ist auch eine Abnabelung von diesem dominierenden Lehrer-Vater, ein Versuch, "die fette väterliche Hand, die auf ihrem Leben lag"(99), abzuschütteln.

3. Die Bedeutung der Arbeit

Für Franziska ist ihr Beruf - ähnlich wie für Fräulein Broder - die Quelle von Selbstbewusstsein und Souveränität. Die junge Frau, verunsichert durch ihre negativ bewertete bürgerliche Herkunft und eine mütterliche Erziehung, die sie von ihrem "schlechten Charakter (...), ihrem Mangel an Geschmack und Anmut, ihrer Untauglichkeit, mit den praktischen Dingen des Lebens fertigzuwerden" (387) überzeugt hat, fühlt sich "nur sicher im Umkreis der Dinge und Gedanken, die ihren Beruf angingen" (386). Ihre Arbeit ist ihr Lebensmittelpunkt, hier kann sie ihre Fähigkeiten einsetzen, ihre Bedürfnisse verwirklichen, ihre Kreativität entfalten. In ihrer Arbeit "existierte sie ungeteilt, sie wusste nichts mehr von einem angstvollen, bedrohten Ich, das sich manchmal von ihr abspaltete, das auf Abende, Alleinsein, eine gewisse Melodie lauerte oder unvermutet aus der Tiefe des Spiegels stieg. Selbst in der Baracke am Stadtrand, wo sie unzufrieden war, (...) behielt sie ihr Selbstvertrauen: sie war tätig, das verknüpfte sie mit den anderen" (387).

Brigitte Reimann zeigt ihre Hauptfigur in der ganzen Widersprüchlichkeit des Arbeitsprozesses. Franziska hat von ihrem Professor ein geradezu erotisches Verhältnis zu ihren Beruf übernommen: "Der Bau soll euch mehr sein als eine Geliebte" (100). Sie hat einen hohen gesellschaftlichen Anspruch an ihre Arbeit: ein Architekt entwirft nicht nur Häuser, "sondern Beziehungen, die Kontakte ihrer Bewohner, eine gesellschaftliche Ordnung" (540). Franziska will Häuser bauen, die "ihren Bewohnern ein Gefühl von Freiheit und Würde geben, die sie zu heiteren und noblen Gedanken bewegen" (122), denn "Architektur [trägt] im gleichen Maß zur Seelenbildung bei wie Literatur und Malerei, Musik und Philosophie"[7].

Gemessen an diesem Anspruch erlebt Franziska die reale Arbeitswelt als Schock. Die faktischen Möglichkeiten industrialisierten Bauens in Neustadt erlauben nur, möglichst schnell und billig möglichst viele Wohnungen zu bauen. Franziska fühlt sich mit verantwortlich für die Menschen, für die sie baut; sie will ihnen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern wirkliche Heimat, ein intaktes Sozialgefüge, Möglichkeiten zu Kontakten, Freizeitaktivitäten und Entspannung schaffen. Sie macht die Resultate der industriellen Fertigbauweise verantwortlich für die Langeweile und die daraus resultierende Zerstörungswut, für die Gleichgültigkeit der Bewohner, für die hohe Selbstmordrate: "Denn was hier geschah, ging uns an, Planer und Erbauer der Stadt und war unsere Sache: unsere Schuld" (520). Franziska verliert einige ihrer Illusionen, aber nie ihren Enthusiasmus, ihre Leidenschaft, etwas von ihren Idealvorstellungen von humanem Städtebau in die wirklichen Wohnungen einfließen zu lassen. Um mehr Einfluss zu erlangen, setzt Franziska bei ihrem Vorgesetzten Schafheutlin durch, dass er sie zu seiner persönlichen Assistentin macht, obwohl eine solche Funktion im Plan gar nicht vorgesehen ist. Sie nimmt den Kampf gegen Behördenwillkür und Materialmangel auf, ist dennoch nicht gefeit gegen Selbstzweifel und Resignationserscheinungen, wenn statt schöpferischer Arbeit Routine und Schreibtischarbeit überhand nehmen. Ihr sinnliches Verhältnis zu ihrer Arbeit lässt sie Höhepunkte der Freude erleben, als das erste von ihr projektierte Haus, die erste Straße fertiggestellt sind; ebenso abgrundtiefe Verzweiflung, als die Realisierung ihres Projekts, der Bau des Stadtzentrums, auf unbestimmte Zeit verschoben wird. Am Ende ihres "Probejahres" in Neustadt beschließt Franziska, dort zu bleiben und weiter zu suchen und zu kämpfen: "Es muß, es muß sie geben, die kluge Synthese zwischen Heute und Morgen, zwischen tristem Blockbau und heiter lebendiger Straße, zwischen dem Notwendigen und dem Schönen, und ich bin ihr auf der Spur, hochmütig und ach, wie oft, zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden" (603/604).

Franziska wie auch Fräulein Broder haben ein Lebensmodell gewählt, in dem die Berufstätigkeit an erster Stelle steht, beide haben und wollen keine Kinder. Fräulein Broder sieht sich gezwungen, als Preis für diesen Fortschritt ihre Weiblichkeit und Sexualität von sich abzutrennen, um in der Arbeit allein durch ihre Qualifikation und guten Leistungen als gleichwertige Kollegin anerkannt zu werden. Auch Franziska signalisiert mit ihrem jungenhaften Aussehen die Verweigerung ihrer Rolle als sexuelles Wesen. Der Arbeitsalltag auf der Großbaustelle wird für sie zu einem Heilungsprozess für die Verletzungen ihrer Weiblichkeit. Die Selbstbestätigung durch die Anerkennung ihres fachlichen Könnens macht den einen Teil dieses Heilungsprozesses aus. Die Baustelle wird aber auch zum Ort der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Normalität von Frauendiskriminierung. Die Autorin konfrontiert ihre Hauptfigur in der "neuen Welt" wiederum mit drei wichtigen Männerfiguren, deren Lebensentwürfe gekennzeichnet sind durch freiwillig oder gewaltsam reduzierte Ansprüche und Erwartungen. In der Auseinandersetzung mit diesen männlichen Lebensentwürfen, den Vorurteilen und Klischees, denen Franziska sich als Frau und Kollegin stellen muss, verliert sie ihre Illusionen über männliche und weibliche Rollenklischees und gewinnt die Lust an der eigenen Sexualität zurück.

4. Die Männer der "neuen" Welt

4.1 Genosse Schafheutlin

Der Stadtarchitekt Horst Schafheutlin, ein untersetzter, kraushaariger Mann Ende dreißig, und Franziska Linkerhand sind sich auf Anhieb gegenseitig unsympathisch. Schafheutlin misstraut der jungen, ehrgeizigen Schülerin Regers mit Visionen über sozialistischen Städtebau, er kann sich die Protektion des berühmten Architekten für seine Schülerin nur mit einem sexuellen Verhältnis erklären. Franziska erlebt Schafheutlin als argwöhnisch gegenüber spontanen Ideen, streng bis zur Pedanterie und von einer freudlosen Ernsthaftigkeit, die das Leben als endlose Kette von Pflichten begreift, die es mit Genauigkeit zu erfüllen gilt. Seine warzenbewachsenen Hände stören ihr ästhetisches Empfinden ebenso wie seine krankhafte Ordnungsliebe, sie hält ihn für einen "Buchhalter der Baukunst" (157), der "die Phantasie mordet im Namen der Realität und Emotionen im Namen der Ökonomie" (326). Erst im Verlaufe ihrer oft heftigen, fachlichen Diskussionen um sozialistische Bauweise und Architektur, in Franziskas Weigerung, sich mit unsinnigen Planvorgaben abzufinden, lernt Schafheutlin, die Kompetenz und Ernsthaftigkeit der jungen Kollegin zu akzeptieren und zu schätzen.

In dem Annäherungsprozess, der sich über diese Fachdiskussionen entwickelt, entsteht zwischen Schafheutlin und Franziska eine stark erotische Beziehung. Ähnlich wie Karl Erp durch Fräulein Broder fühlt sich Schafheutlin durch die enthusiastische, leidenschaftliche junge Kollegin an die eigene Jugend, seine eigenen beruflichen Träume und an die Zeit erinnert, als er selbst maßgeblich an großen Bauvorhaben beteiligt war. Wie Karl Erp lebt Schafheutlin in Uhlenhorst in einer schönen Villa mit Frau und vier Kindern; und wie Erp lebt er im sexuellen Notstand. Seine Frau, ebenfalls vom Fach, hat wegen der Kinder den Beruf aufgegeben. Aus Angst vor weiteren Schwangerschaften und angesichts fehlender Verhütungsmittel ist Schafheutlin seit anderthalb Jahren aus dem gemeinsamen Ehebett auf die Wohnzimmercouch verbannt. Und ebenso wie Erp verliebt sich Schafheutlin in die junge, lebendige Franziska, er umarmt in ihr "seine toll lachende, hemmungslos trauernde, hochmütige, besserwisserische, ahnungslose, gescheite, unweise, zweiflerische, gläubige, arrogante, ungeduldige Jugend ... die Legende von seiner Jugend, die er in diesem Augenblick erschuf, an die er jetzt glaubte, um sich selbst zu glauben: ich kann alles ändern, ich kann von vorn anfangen" (365). Im Gegensatz zu Erp erkennt Schafheutlin die Ursachen seiner Gefühle und versucht, sie mit gewohnter Disziplin und Pflichtbewusstsein zu unterdrücken. Er "unternimmt keinen Versuch, sich Franziska zu nähern" (409), statt dessen umgibt er sie mit fürsorglichem Interesse und väterlicher Aufmerksamkeit. Er beobachtet heimlich und eifersüchtig ihr Verhalten zu den Bauarbeitern, den männlichen Kollegen; er versucht, die Gerüchte und Bemerkungen zu ignorieren, die behaupten, dass Franziska Linkerhand "wirklich alles tun würde, um hochzukommen" (411). Sein unterdrücktes sexuelles Begehren macht ihn krank, er bekommt Magenschmerzen und Herzprobleme. Der sexuelle Trieb durchbricht aber auch immer wieder seine mühsamen Zucht- und Ordnungsbemühungen, er drängt Schafheutlin, häufig länger zu arbeiten, mit Franziska auszugehen, sie nach Hause zu begleiten oder sie in ihrem Zimmer zu besuchen. Schafheutlin schmückt sich mit "allzu neue(n), allzu keck gemusterte(n) Krawatten" (343) und hofft gleichzeitig, Franziska möge seine Bemühungen um mehr männliche Attraktivität nicht bemerken.

Franziska durchschaut Schafheutlin und fühlt sich durch seine sexuelle Begehrlichkeit abgestoßen, sie empfindet ihn als "kaltes Aas, jetzt nur noch irgendein Mann, schwitzender, lächerlicher, abstoßender Mann" (230). Im Traum erlebt sie Schafheutlin als Fisch in einem Wasserglas, "doppelt eingesperrt" (261) als Gefangener seiner politischen Funktion und seiner unausgesprochenen sexuellen Begierden. Das Bedrohliche dieses Traums hält sich die Waage mit seinen in väterliche Fürsorglichkeit verkleideten Gefühle, die ihr Schutz und Geborgenheit vermitteln. Sie sonnt sich in seinen ritterlichen Aufmerksamkeiten und nutzt seine Verliebtheit als Bestätigung ihrer verletzten Weiblichkeit.

4.2 Jazwauk

Franziskas achtundzwanzigjähriger Kollege Maurizio Jazwauk repräsentiert einen völlig anderen Lebensentwurf: Er ist "die Regel, der Durchschnitt, Normalmaß" (191), der nie durch "Eigensinn, durch eine selbständig gefaßte und entschieden vorgetragene Meinung" (197) unangenehm auffällt. Die Architektur ist für ihn ein Beruf, mit dem er sein Geld verdient, er arbeitet "ordentlich, ohne überspannten Ehrgeiz, aber niemals unzufrieden oder widerwillig" (198). In seiner Freizeit projektiert er Häuser für private Geldgeber, die zu Geld und Wohlstand gelangt sind; damit verdient er sich das zusätzliche Geld, mit dem er seinen Sportwagen, sein teuer eingerichtetes Appartement in der Bezirkshauptstadt und seine sexuellen Abenteuer finanziert. Jazwauk ist "ein glücklicher Mensch" (198), der zufrieden lebt nach dem Motto "Leben und leben lassen" (333); da er nicht ehrgeizig ist, hat er "keine Feinde" (194) und ist "ohne Anstrengung jedermann gefällig" (197).

Jazwauk umgibt sich gern mit schönen Frauen. Er setzt seine körperliche Schönheit - Römerprofil, schwarze Augen, hinreißendes Jungslachen - gezielt ein, um Frauen zu sexuellen Affären zu verführen. Emanzipierte Frauen bedauert er: "Alles auf der Welt hat seinen Preis, auch die Gleichberechtigung: Die Männer bitten zur Kasse. Die Frau ist Kollegin, Mitarbeiterin, Konkurrentin geworden, ihr Anspruch auf Höflichkeit und zarte Schonung gestrichen. Sie mißfällt, wenn sie Schwäche verrät, und mißfällt, wenn sie sich stark macht. Sie ist zu tüchtig oder nicht tüchtig genug und als Vorgesetzte einfach ein Unglück. Erfolg verzeiht man ihr, notfalls, aber wenn sie jung und hübsch ist, kannst du jede Wette eingehen, daß acht von zehn Männern sagen, sie verdankt den Erfolg ihren Beziehungen, sie hat sich, Pardon, hochgeschlafen" (328/29). Er nimmt Franziska und ihre beruflichen Ideale nicht ernst, sie sind für ihn die "Ersatzbefriedigung einer enttäuschten Frau". Hingabe an den Beruf ist für Frauen seiner Meinung nach "immer nur ein Vorwand; mit fünfundzwanzig verleiht ihnen dieser Eifer einen zusätzlichen Reiz, mit vierzig macht er sie unausstehlich" (196). Jazwauk profitiert von dem Widerspruch, der mit dem Aufbrechen der alten Rollenklischees einhergeht und Männer und Frauen vor das Problem eines neuen Umgangs stellt; er entschädigt mit seinen Verführungskünsten die modernen Frauen für den "Zärtlichkeitsverlust" (328), der mit ihrer Emanzipation einhergeht. Als notorischer Junggeselle, als "Schürzenjäger" und "Frauenheld" (191) stürzt er sich aber nicht in "seelische Unkosten" und geht jeder festen Bindung aus dem Weg.

Auch Franziska muss sich mit Jazwauks sexuellen Annäherungsversuchen auseinandersetzen. Seine körperliche Nähe lässt sie "vor Abscheu" erstarren, "seine nahe Wärme, Tierwärme, den Atem auf ihrem Nacken" empfindet sie "wie die Berührung mit einem unreinlichen Stoff" (194). Erst als Franziska ihm rigoros und auch handgreiflich Grenzen setzt und deutlich macht, daß sie kein Typ zum "vernaschen" ist, lernt Jazwauk Franziska als Frau und Kollegin zu achten. Ihr wiederum gefällt sein "Spaß am Dasein", seine spontanen Verrücktheiten findet sie "liebenswert" (193). Jazwauks spaßhafte, erotische Verehrung und seine Anteilnahme an ihrer unglücklichen Liebesgeschichte mit Trojanowicz helfen Franziska, sich aus der Erstarrung ihrer verletzten Weiblichkeit zu lösen.

4.3 Wolfgang Trojanowicz

Der wichtigste Mann, dem Franziska in Neustadt begegnet, ist der Kipperfahrer Wolfgang Trojanowicz, den sie Ben nennt und an den der Roman in der Form eines langen Abschiedsbriefes gerichtet ist. Trojanowicz ist ein junger Mann um die 30 Jahre, der Franziskas Bruder zum verwechseln ähnlich sieht: die gleiche Stirn, die gebrochene Nase, hohe Backenknochen, die Brille im Drahtgestell, selbst die gleiche Haltung beim Rauchen, "die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger nach innen gekehrt, gegen die Handfläche" (149). Franziska verliebt sich in Trojanowicz oder besser: in das Bild, das sie sich von ihm macht. Trojanowicz ist ihr "Geschöpf" (222), in dieses Bild projiziert sie ihre ganze Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Geborgenheit, nach der so sehr vermissten, zärtlichen, aber a-sexuellen Bruder-Schwester-Beziehung: "Und im selben Augenblick übertrug ich unbedenklich alles, was ich für meinen Bruder empfinde, auf dich, ich dachte, du müßtest auch klug sein wie Wilhelm und ritterlich und - alles ..." (149). Franziska erfindet mit Ben das Bild eines Mannes, der ihr Sicherheit gibt durch Souveränität, bei dem sie sich anlehnen, bei dem sie Schutz und zärtliche Sexualität finden kann. Im Verlaufe ihres Jahres auf der Baustelle muss sie lernen, dass ihr Traum und der reale Trojanowicz nicht identisch sind.

Der wirkliche Trojanowicz entpuppt sich als Intellektueller und ehemaliger Parteigenosse. Als junger, aufstrebender Wissenschaftler an der Universität Leipzig wollte er sich weder das Denken noch das Streiten um die Entwicklungsmöglichkeiten der sozialistischen Idee verbieten lassen. Nach der Niederschlagung der Unruhen in Ungarn 1956 wird er Opfer der daraufhin in der DDR einsetzenden Säuberungsprozesse. Aus der Partei ausgeschlossen, unrechtmäßig zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt, hat er sich verbittert und politisch gebrochen in eine eigene beschränkte Welt zurückgezogen. Seiner wissenschaftlichen und parteipolitischen Funktionen enthoben, arbeitet er als Bauarbeiter; Anteil an der Entwicklung der politischen Weltlage nimmt er nur noch als Beobachter. Er lebt mit Sigrid, einer Freundin seiner geschiedenen Frau, zusammen, die während des Prozesses als einzige zu ihm hielt. Ihr fühlt er sich verpflichtet, sie kann und will er nicht verlassen. Er hält Distanz zu Menschen, Dingen und Ereignissen, er strebt danach, sich aus "jeder Geschichte heraus[zu]halten" (470).

Trojanowicz ist Opfer der strukturellen Gewalt einer Gesellschaft geworden, die ihren Herrschaftsanspruch offenbar anders nicht durchsetzen kann. Die Kehrseite dieser strukturellen gesellschaftlichen Gewalt erlebt Franziska als sexuelle Gewalt, mit der männliche Herrschaftsansprüche gegenüber Frauen in persönlichen Beziehungen durchgesetzt werden. Beiden gemeinsam ist das "wattige Schweigen" (436), das in der DDR über Tabu-Themen wie Vergewaltigung, politische Disziplinierung und Selbstmord verhängt wurde und wie Unkraut den "freundlichen Boden der Liebe" (556)[8] bedroht. Entsprechend ist die Beziehung zwischen Franziska und Trojanowicz von Misstrauen und Missverständnissen geprägt. Trojanowicz hat sich ein kleines, überschaubares Leben eingerichtet, in dem er glücklich und zufrieden, "weil unabhängig" (392) zu sein glaubt. Er kann Franziskas Ungeduld, ihren Enthusiasmus, ihren Veränderungswillen nicht ernstnehmen, er vergleicht ihre Erwartungen mit "rotbefiederten Pfeilen, die ein Kind in den Himmel schießt" (497). Spöttisch und mit einem gewissen Unverständnis beobachtet er ihre Versuche, etwas von ihren beruflichen Idealen in Realität umzusetzen. Trojanowicz wirft Franziska Wunschdenken und Streben nach Absolutheit vor, gleichzeitig ist es aber gerade ihre damit verbundene Lebendigkeit, die ihn anzieht. Er liebt Franziska "wegen ihrer Absolutheit, ihrer Forderung an sich und andere und die Welt", er liebt an ihr seine verlorengegangene "Fähigkeit, sich leidenschaftlich zu engagieren, zu schwärmen oder zu trauern" (541).

Franziskas Erfahrungen mit männlicher Gewalt führen umgekehrt zu einem starken Schutzbedürfnis. Sie hält Trojanowicz` Fähigkeiten, sich "unbetroffen" zu fühlen und "niemanden an sich heranzulassen" (476), für Stärke und Unabhängigkeit. Sie liebt ihn, weil sie bei ihm die ersehnte Geborgenheit findet und mit ihm zusammen ihre Sexualität, ihre körperliche Lust neu entdecken kann, die "Lust, von der ich aus Büchern wußte" (604). Mit Trojanowicz erlebt sie ihre "schönste Liebesnacht" (602) - bezeichnenderweise nicht in einem Neubau in Neustadt, sondern in einem "kalten Zimmer in einer Berliner Pension" (602), nachdem sie auf dem Architektur-Kongress eine aufsehenerregende Rede gehalten hat.

Da sich Trojanowicz Franziskas Traumbild nicht annähern kann und will und Franziska sich nicht von Trojanowicz und seiner fatalistischen Lebenshaltung anstecken lassen will, scheitert die Beziehung. Gegenüber einer schwierigen Liebe stellt sich für beide die Arbeit - alle damit verbundenen Konflikte eingeschlossen - als verlässlicheres Element dar.

5. Sexualität, Körperlichkeit, Sprache

5.1 Entfremdeter Körper

Franziskas Verhältnis zu ihrer Körperlichkeit ist ambivalent. Erscheint der Fünfzehnjährigen ihr Körper "niemals fremd oder beschwerlich (...), denn er war ich" (35), so verändert sich dieses Verhältnis mit der ersten Menstruation radikal. Franziska erlebt ihren Körper als "entfremdet, preisgegeben seinen Funktionen" (41), sie ist zum "Gefäß" (39) geworden. Sexualität, aus der Sicht des Kindes bei anderen erlebt, ist "das keuchende weiße Tier" (38) und bedrohlich; ihr erstes sexuelles Erlebnis mit Wolfgang Exß verstärkt noch den Eindruck der Funktionalisierung ihres Körpers: "Sie erduldete ihn stumm, neugierig und voller Entsetzen über ihren Körper, der einem fremden nassen Mund gehorchte und unter fremden Händen sich zu verändern schien, größer und weicher zu werden schien" (71).

Weibliche Sexualität dient in Franziskas Wahrnehmung hauptsächlich der Befriedigung männlicher Lust. Ihr Ehemann ist "stark und gesund und ohne Phantasie, und nach drei Jahren hatte er noch nicht bemerkt, daß ich nichts empfand, aber ich dachte, ich wäre frigid, das andere kannte ich nur aus Romanen" (92). Franziska wehrt sich gegen eine Sexualität, die sie auf die Funktion des Mutterseins und des männlichen Sexualobjektes festlegt. Als sie sich von ihrem Ehemann trennt, muss sie erleben, dass Sexualität auch der Bereich ist, in dem männliche Herrschaftsansprüche gewaltsam demonstriert werden. Franziskas Ehemann kann die selbständige Entscheidung seiner Frau, sich von ihm zu trennen, nicht hinnehmen: er bestraft sie durch eine brutale Vergewaltigung. Sexualität ist für Franziska zu einem Trauma geworden: "Ich war so verhunzt (...), ich konnte mich nur noch für Marmorleiber begeistern, (...). Marmor, ja, und Halbgötter in Bronze, bloß kein Männerfleisch, kein Muskelspiel (...), keine Körperwärme" (381). Eigene sexuelle "unwürdige Heimsuchungen" (187) ihres Körpers versucht sie durch asketische Übungen zu bekämpfen.

5.2 Sexuelle Erstarrung

Franziska erlebt die Verbindung von Sexualität und Frau-Sein als eine bedrohliche Beschränkung auf eine bestimmte Rolle: "Sie fühlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang, jeden Morgen den tückischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiße Spülwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Übelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren Säften, ihrem Blut ernährte, und in einem Kreißsaal zu brüllen - " (39).

Dass es die Frauen sind, die die Konflikte zwischen Berufstätigkeit, gelebter Sexualität und Mutterschaft austragen müssen, beleuchtet die Autorin sehr facettenreich in den zahlreichen weiblichen Nebenfiguren des Romans. Frau Schafheutlin, gut ausgebildete Architektin, ist vierfache Mutter und zur Hausfrau degradiert. Sie zwingt nicht nur ihrem Mann sexuelle Enthaltsamkeit auf, um weitere Schwangerschaften zu verhüten, sondern enthält sich damit auch selbst jeder sexuellen Befriedigung. Die Sekretärin Frau Krupkat, die nach fünfzehn Jahren endlich schwanger geworden ist, hört auf zu arbeiten, weil ihr Mann das so möchte, sie hat aber Angst vor dieser "Umstellung" (406) auf die Rolle der Mutter und Hausfrau. Frau Bornemann, eine Nachbarin Franziskas im gleichen Wohnblock, hat einen "Flugtraum" (561), der für die Schwierigkeiten der Frauen steht, sich aus der angestammten Rolle zu befreien: "Flugversuch, sie schwingt sich auf, verstrickt sich in Drähten, Seilen, Netzen und fällt und fällt ..." (561). Der Traum vom Fliegen, gleichgesetzt mit Beruf, Unabhängigkeit und sexueller Freiheit, endet durch Verstrickungen wie fehlende Verhütungsmittel, männliche Ignoranz und Gewalt im Absturz in das Hausfrauen-Dasein.

Die gesellschaftliche Normalität der Frauendiskriminierung, der alltägliche Sexismus und die am eigenen Leib erfahrene sexuelle Gewalt führen bei Franziska zu einer sexuellen Erstarrung. Sie spiegelt sich in Aristide, einem steinernen Engel, dem Franziska auf ihrem Weg von und zur Arbeit über einen Friedhof täglich begegnet und dem sie sich freundschaftlich verbunden fühlt. Aus ihrer sexuellen Versteinerung kann Franziska sich nur lösen, weil sie aus allen berufs- und alltagsbedingten Beziehungen zu Männern, die "durchweg erotisch aufgeladen"[9] sind, jegliche reale Sexualität ausklammert. Auch die Beziehung mit Trojanowicz, in den sie sich bereits im Mai verliebt, bleibt bis zur ersten Liebensnacht im Dezember ohne wirklich sexuelle Handlungen.

5.3 Sexualität und Sprache

Auch Brigitte Reimanns Roman blieb von den Auswirkungen des 11. Plenums der SED im November 1965 nicht unberührt. Die Autorin vermerkt in ihrem Tagebuch, dass Ulbricht "weniger Erotik" fordere und bezieht diese Forderung durchaus auf sich und ihr "armes Buch"[10]. In einem Brief an den Architekten Henselmann[11] hebt sie hervor, dass die prüden Vorstellungen ihrer Lektorin Annemarie Auer ihre Darstellung von Sexualität stark beschränken.

Die Sexualität, die Brigitte Reimann in ihrem Roman beschreibt, ist geprägt von Franziskas Verunsicherung, die der Schritt aus der alten, behüteten Welt in die neue, von Männern dominierte Arbeitswelt mit sich bringt. Die Autorin arbeitet mit Bildern und Assoziationen, in denen sowohl das Schutzbedürfnis Franziskas als auch ihre Sehnsucht nach einer befreiten Sexualität zum Ausdruck kommt. Immer wieder ist die Rede von der grünen Jacke Trojanowicz´, unter die er Franziska schützend nimmt; von seiner Hand in ihrem Nacken, die Geborgenheit vermittelt. Franziskas Vorstellung von Sexualität ist verbunden mit dem Bild von einem "Pferd in rasendem Galopp, frei, wild, ohne Zaumzeug, die Mähne im Wind und mit Hufen, die den Boden nicht berühren..." (37). Franziskas Wunsch nach langen "im Fahrtwind flatternden Haaren, die rote Mähne des geträumten Fohlens" (509) gleicht Trojanowicz` Bild von einem Fohlen mit im Wind flatternder Mähne, mit dem er sein sexuelles Begehren ausdrückt.

Auch für die erste tatsächlich beschriebene sexuelle Begegnung von Franziska und Ben findet die Autorin ein eindrucksvolles Bild, in dem Angst und Befreiung gleichermaßen zum Ausdruck kommen: "...endlich die Lust, von der ich aus Büchern wußte... es war mein Schrei, der ungläubige, (...) mein gebrochener und ungläubiger Schrei, während ich durch eine Gasse jagte, zwischen südlich erhitzten Mauern, keine Fenster, nur ein schmales Gittertor, im Vorübereilen sehe ich wilde Blumen, Lorbeerbüsche, einen Baum mit granatroten Früchten." (604).

5.4 Produktivkraft Sexualität

Trotz aller politischen und literarischen Einschränkungen wirkt sich auch in diesem Roman die Verbindung von Sexualität und Lebenskraft auf alle beteiligten Hauptpersonen positiv aus. Franziska erlangt ihre sexuelle Gefühlsfähigkeit zurück, ihre Lust, sich im Spiegel zu betrachten, weckt die Lust zu arbeiten. Trojanowicz verliert etwas von seiner distanzierten, spöttischen Beobachterhaltung und tritt wenigstens zeitweise aus seiner selbstbeschränkten kleinen Welt heraus; sogar Schafheutlin "wurde ein bißchen zugänglicher, (...) bezeigte eine vorsichtige Teilnahme für die nicht ausschließlich dienstlichen Angelegenheiten anderer" (409), hält menschliche Konflikte und Probleme nicht mehr für "Seelenkäse" (409).

Brigitte Reimann zeigt am Beispiel ihrer weiblichen Hauptfigur die konkrete Widersprüchlichkeit eines gesellschaftlichen Problems, das mit dem Aufbruch der Frauen aus ihrer angestammten Rolle verbunden ist. Die gesellschaftlich geforderte und geförderte Anerkennung der Berufstätigkeit der Frauen und die Veränderungen, die damit einhergehen, bewirken nicht automatisch Veränderungen im privaten, sexuellen Umgang von Männern und Frauen. Frauen erleben den Widerspruch zwischen den neuen Möglichkeiten und ihrer traditionellen Funktion als eine "Konfrontation mit sich selbst"[12], mit ihren seit Generationen eingeübten Verhaltensmustern und Wertorientierungen. Dieser Umbruch führt zu Selbstzweifeln und erzwungener sexueller Enthaltsamkeit, aber auch zu neuen Ansprüchen bei der Suche nach authentischen Lebensentwürfen im privaten Bereich. Auf der Seite der Männer führen diese Entwicklungen zu einer Verunsicherung, auf die sie teilweise mit Diskriminierung und Gewalttätigkeit reagieren. Die Autorin thematisiert in ihrem Roman ein Problem, das zehn Jahre später Colette Dowling in ihrem Buch "Der Cinderella-Komplex"[13] ausführlich analysiert: Die Angst der Frauen vor Unabhängigkeit in einer von männlicher Gewalt und männlichen Regeln bestimmten Welt. Die Durchsetzung authentischer weiblicher Lebensentwürfe und selbstbestimmter weiblicher Sexualität ist in einer solchen Welt nicht oder nur mit Abstrichen möglich. Für Brigitte Reimann und ihre Romanfigur liegen aber in der Auseinandersetzung mit dieser Welt die Chance, Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung zu erlangen.

Fußnoten

  1. Brigitte Reimann: Franziska Linkerhand. Roman, Berlin 1998. Alle Zitate in Klammern im nachfolgenden Textabschnitt beziehen sich auf diese Ausgabe des Romans.
  2. Sonja Hilzinger: "Als ganzer Mensch zu leben ...". Emanzipatorische Tendenzen in der neueren Frauen-Literatur der DDR, Frankfurt am Main, Bern, New York 1985, S. 118.
  3. Birgit Waberski: Die großen Veränderungen beginnen leise. Lesbenliteratur in der DDR und den neuen Bundesländern, Dortmund 1997, S. 119.
  4. Vgl. Brigitte Reimann: Die Frau am Pranger. Das Geständnis. Die Geschwister. Drei Erzählungen, Berlin 1969.
  5. Eva und Hand Kaufmann: Ein Vermächtnis, ein Debüt. Brigitte Reimann: "Franziska Linkerhand"; Gerti Tetzner: "Karen W.", in: Dies. (Hrsg.): Erwartung und Angebot. Studien zum gegenwärtigen Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in der DDR, Berlin 1976, S. 199.
  6. Hans und Eva Kaufmann: Ein Vermächtnis, ein Debüt, a.a.O., S. 198.
  7. Brigitte Reimann, Hermann Henselmann: Briefwechsel, Berlin 1994, S. 7.
  8. Dass in der DDR-Ausgabe des Romans sowohl die Beschreibung des politischen Prozesses wie auch die Reaktion der Menschen auf die Vergewaltigung in der neuen Stadt zensiert wurden, macht nicht nur das Verhalten der Protagonisten für den Leser schwer nachvollziehbar, sondern bestätigt die Auffassung der Autorin noch über ihren Tod hinaus. Vgl. das Nachwort von Withold Bonner in der Neuauflage des Romans von 1998, der sich ausführlich mit den Kürzungen in der DDR-Ausgabe beschäftigt hat. Withold Bonner: Vom Typoskript zur Druckfassung. Nachwort zum Roman Franziska Linkerhand, Berlin 1998, S.606 - 632, hier besonders S. 615 ff. und 622 ff.
  9. Eva und Hans Kaufmann: Ein Vermächtnis, ein Debüt. Brigitte Reimann: "Franziska Linkerhand"; Gerti Tetzner: "Karen W.", in: Dies. (Hrsg.): Erwartung und Angebot. Studien zum gegenwärtigen Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in der DDR, Berlin 1976, S. 198.
  10. Brigitte Reimann: Alles schmeckt nach Abschied. Tagebücher 1964 - 1970, Berlin 1998.
  11. Brigitte Reimann, Hermann Henselmann: Briefwechsel, Berlin 1994, S. 76.
  12. Irene Dölling: Zur kulturtheoretischen Analyse von Geschlechterbeziehungen, in: Weimarer Beiträge 26/1980, Heft 1,. S. 61.
  13. Vgl. Colette Dowling: Der Cinderella-Komplex. Die heimliche Angst der Frauen vor der Unabhängigkeit, Frankfurt am Main 1984.